Soliconvoy

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Ein Bericht aus aktivistischer Perspektive zu aktuellen Protesten in Ungarn und Serbien zwei Jahre nach dem Sommer der Migration September 2015.

Zehntausende Menschen sind auf ihrem Weg nach Westeuropa. Tausende sitzen am Bahnhof in Budapest fest. Am 4. September haben sie das Vertrauen verloren mit den Zügen weiterfahren zu können und laufen los.1 Wie bei der kollektiven Grenzüberwindung an der griechisch-mazedonischen Grenze zwei Wochen zuvor, ist das Ziel des March of Hope klar: Über die ungarische Grenze nach Österreich, Deutschland oder weiter, mit der Hoffnung auf Sicherheit und bessere Lebensbedingungen. Als schließlich Mitte September die letzten Meter ungarischen Grenzzauns mit Nato-Draht verschlossen werden, kommt es in Röszke zu Zusammenstößen zwischen Geflüchteten und der Polizei. Menschen richten sich gegen ein Europa der Abschottung, gegen Grenzen als Ausdruck des rassistischen Nationalismus und überqueren sie. In dieser Zeit machen sich auch aus Deutschland zahlreiche Konvois auf den Weg um praktische Solidarität auf der sogenannten Balkanroute zu zeigen. In katastrophalen Bedingungen unterstützen sie Menschen auf der Flucht etwa durch die Versorgung mit einer warmen Mahlzeit. Dynamiken, die sich entwickeln, führen zu Diskussionen, ob es sich um humanitäre Hilfe, politischen Aktivismus oder etwas anderes handelt.2

Staatliche Strukturen profitieren von der Arbeit dieser Menschen. Sie sind derweilen damit beschäftigt, die verlorene Kontrolle wiederherzustellen. Dafür werden Züge und Busse gechartert, um Menschen effektiv dorthin zu bringen, wo sie hin möchten. Geblieben sind 2017 nur noch Internierungscamps und Grenzzäune.3 Lange schon ist Röszke aus den Medien verschwunden. Es ist still geworden im kleinen Grenzort. Eine trügerische Idylle, die nur besteht, weil Ungarn seine Grenzen komplett abgeschottet hat. 19 Monate nach den Protesten der Geflüchteten zieht eine Demonstration durch Röszke: „Nem kell a kerités, szabadság!“ („Wir brauchen keine Zäune, Freiheit!“) und „Vesszen a fasizmus!“ („Nieder mit Faschismus!“) rufen die Teilnehmenden. Sie richten sich gegen das faschistische System Ungarns, welches alle offenen Camps geschlossen hat und Asylsuchende in einem Container-Gefängnis nahe dieser Grenze festhält.4 Auch wenn weniger Menschen ihren selbstgewählten Weg gehen, lassen sie sich nicht von der Abschottungspolitik aufhalten. Berichten Médecins Sans Frontièrs zufolge, tragen viele schwere Wunden und Knochenbrüche davon. Geflüchtete in Serbien berichten von brutalen push-backs durch die ungarische Polizei, was in bis zu 8km Entfernung von der Grenze legal ist.5 Bilder in Belgrad im April 2017 erinnern an Bilder aus dem Jahr 2015.

Viele Menschen auf der Balkanroute sind an den Ort gefesselt, denn die umliegenden Staaten schotten sich mit gewaltvollen Mitteln ab. In der Nähe des Bahnhofs in Belgrad leben rund tausend Personen in ehemaligen Lagerhallen. Unter einem Parkdeck schlafen Minderjährige in Zelten. Mehrere Aktivist*innen und humanitäre Organisationen sind vor Ort. Englischkurse sowie eine Sportmöglichkeit werden selbstorganisiert. Auch Demonstrationen und Informationsveranstaltungen werden durchgeführt. Die meistgesprochenen Sprachen sind Pashtu, Urdu, Farsi, Englisch, Deutsch und Spanisch. In den Baracken, wie die Lagerhallen zu Recht genannt werden, gibt es eine Ladestation für Smartphones und improvisierte Sanitäranlagen. In verschiedenen Farben steht an den Wänden „The problem is borders“ und „I am a person too“. Neben diesen Statements ist auch zu lesen „We need shoes“. Weder die Lagerhallen noch die persönliche Ausstattung reichen aus, damit die Menschen sich vor Kälte und Nässe schützen können. Nicht nur ertrinken täglich Menschen im Mittelmeer, auch in der Metropole Belgrad sterben Menschen an den Folgen des EU Grenzregimes. Selbst die zwei warmen Mahlzeiten am Tag werden von nicht-staatlichen Küchen organisiert.6

Anfang Mai alarmiert die No Name Kitchen auf Facebook: „WE HAVE TO TALK ABOUT SERBIA.“ Das Kommissariat für Migration und Flüchtlinge Serbien hat die Räumung der Baracken angekündigt. Die Menschen sollen in den offiziellen Camps untergebracht und gezwungen werden, in Serbien Asyl zu beantragen. „The camp system in Serbia which is being extended by the state (and its business friends) in a fast way, is copy-pasted from other EU countries.“, so das No Border Serbia Kollektiv7. Camps sollen Versorgung und Schutz von Geflüchteten gewähren, so die staatliche Argumentation. De facto bedeuten sie für diejenigen, die darin leben, eine weitere Einschränkung ihrer Freiheit. Am 11. Mai diesen Jahres startet in den frühen Morgenstunden die Räumung. Mitarbeiter*innen des Kommissariats für Migration und Flüchtlinge versprühten schon am Tag vorher Insektizide in den Hallen.8 Es erhebt sich Widerstand unter den dort Wohnenden, manche von ihnen treten in einen Hungerstreik. Trotz der Proteste werden die meisten schließlich gezwungen in Busse zu steigen. Wer nicht freiwillig einsteigt, so die Drohung, wird direkt ins geschlossene Camp nach Preševo gebracht. Protest gibt es auch von unterstützenden Gruppen vor Ort. Die Räume der No Name Kitchen wurden als erste eingerissen. Am Abend schreiben sie ihr Kampf gehe weiter, denn sie sind nicht nur zum Kochen gekommen.9 Hinter der Räumung steht auch das Großprojekt Belgrade Waterfront der Eagle Hills Company. Es sollen Luxusbauten entstehen, auf zwei Millionen Quadratmetern Stadtgebiet. Was auf deren Internetseite als innovativer „Facelift“ für die Stadt bezeichnet wird, sorgt für Empörung. Mehr als 200 Parteien wurden Schätzungen zufolge bereits ihres Wohnraums beraubt.10 Proteste nach der Wahl des Regierungschefs Aleksandar Vučić zum Staatspräsidenten brachten die schwierigen Lebensbedingungen in Serbien zur Sprache. Viele Menschen leben äußerst prekär, das Durchschnittseinkommen liegt bei umgerechnet 350 Euro monatlich, die Jugendarbeitslosigkeit bei 44% und das Sozialsystem funktioniert nur rudimentär.11 „Many people are fleeing from here because they have no other chance”, berichtet ein Aktivist. Damit wird klar wie schwer politischer Aktivismus ist, wenn die eigene Existenz nur unzureichend abgesichert ist. Die deutsche Regierung ignoriert diese Situation und schob in den letzten Jahren massiv Menschen in Balkanstaaten ab, zum Teil obwohl sie dort nie gelebt hatten. Dies versinnbildlicht die politische Vormachtstellung der deutschen Regierung. Diese hat die Freiheit zu entscheiden, Asylgesetze im Innern zu verschärfen und die verheerenden Auswirkungen an die Außengrenzen zu verlagern.

Der Artikel ging hervor aus einem feministischen Kollektiv dessen Einzelpersonen in unterschiedlichen antirassistischen Zusammenhängen aktiv sind. Die Frage, wie effektiver politischer Aktivismus zu organisieren ist bleibt offen. Die Entscheidung zur Teilnahme an der Demonstration in Röszke und der Besuch in Belgrad kamen zum einen durch bestehende Kontakte zustande. Zum anderen schien es nach wie vor wichtig, die Situation auf der Balkanroute wieder präsent zu machen und nicht bei den Solidaritätsaktionen von 2015 stehen zu bleiben. Wir wollen die Diskussion über (gemeinsame) politische Arbeit mit lokalen Aktivist*innen weiterführen. Dazu ist geplant sie im Rahmen von „We´ll come united“ im September 2017 nach Deutschland einzuladen.

 

Ein Interview mit MASTANLAGEN WIDERSTAND zum Soliconvoy aus dem Tierbefreiungsmagazin vom Dezember 2015 mit dem Titelthema: Kein Mensch ist illegal – Kein Tier ist egal. Das Egagement in der Tierbefreiungsbewegung für Refugees und gegen Rassismus.


Sehr viele Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht. Als Bündnis engagiert ihr euch im Speziellen gegen Mastanlagen und die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere. Inwieweit hängen für euch Tierbefreiung und die Unterstützung von Menschen, die sich auf der Flucht befinden, zusammen?

Auch bei der Arbeit für MASTANLAGEN WIDERSTAND thematisieren wir die Ausbeutung von Menschen, beispielsweise durch die Kritik an den prekären Beschäftigungsverhältnissen von Schlachthofmitarbeiter_innen. Diese kommen oft aus osteuropäischen Ländern und werden von Wiesenhof und Co. über Werksverträge eingestellt. Das hat zur Folge, dass die Arbeiter_innen ihre Arbeitskraft meist für einen Hungerlohn an Konzerne verkaufen müssen. Die Unternehmen bereichern sich damit direkt unter Verwendung bestehender und etablierter Diskriminierungsmechanismen.

Für uns zeigt sich schon an dieser Stelle, welch bedeutende Rolle Grenzen in der Verwertung und Unterdrückung von Mensch und Tier spielen. Allein da eine Person beispielsweise aus Rumänien kommt, ist es machbar sie aufgrund ihrer Herkunft und ihrer sozialen Situation zu diskriminieren und auszubeuten.

Grenzen in Köpfen, die Tiere zu Waren machen, sind aus unserem Selbstverständnis heraus genauso abzulehnen, wie nationale Konstrukte die Staatsgrenzen benötigen, um den einen Menschen diverse Rechte zuzusprechen bzw. sie den anderen abzusprechen.

Du bist aus Deutschland und kannst deinen rassistischen Schwachsinn äußern wie es dir gefällt.“ „Du bist in Algerien geboren und hast damit kein Recht hier zu sein bzw. nicht einmal die Möglichkeit einer legalen Einreise, um einen Antrag auf Asyl stellen zu können.“ „Du bist Roma und solltest doch jetzt nach Jahrhundert langer Diskriminierung deinesgleichen endlich mal einsehen, dass du für immer stigmatisiert und unerwünscht sein wirst, egal wo du dich aufhältst.“

Was gerade an den EU- Innen- und Außengrenzen passiert, veranschaulicht genau dies. Grenzen sollen Menschen davon abhalten ihr Leben zu schützen, für sich und andere zu sorgen oder den Ort frei zu wählen, an dem sie ihr Leben weiterführen wollen. Dazu ist alles Recht: Zäune, Militär, Polizei, Frontex. Diese Abschreckung der ekelhaftesten Art erzeugt eben massenhaft frierende und hungernde Menschen, auch mitten in Europa. Auf politischer Ebene finden gleichzeitig Asylrechtsverschärfungen statt, die noch mehr „Kategorien“ an Geflüchteten einführen soll und das bereits entstellte Recht auf Asyl noch weiter verstümmeln.

All das lehnen wir ab und all das stellen die vielen Menschen, die sich gerade ihren Weg nach oder durch Europa erkämpfen Tag für Tag praktisch in Frage. Sie überqueren Grenzen, sie verweigern Registrierungen. Sie protestieren gegen die viele Gewalt und Missachtung, die ihnen auf der Flucht entgegengebracht wird. Sie gehen weiter auch wenn Polizei und Politik am liebsten hätte, dass sie doch einfach als unangenehmer Anblick von der Bildfläche verschwinden. Die verzerrten Bilder, die potentiell nur kriminelle junge Männer auf der Flucht zeigen, sind seit Langem medial nicht mehr zu halten. Die Mehrheit der Menschen im sogenannten Flüchtlingsstrom sind Familien, mit Kindern, mit Männern, mit Frauen, mit kranken Menschen, mit alten und jungen Menschen.

Mit dem sog. Soliconvoy konnten wir zum einen unsere praktische Solidarität mit den Menschen vor Ort zeigen, die eben im offenen Konflikt mit der Festung Europa stehen und auch ein weiteres mal zeigen, dass die Parole: „Für die Befreiung von Menschen und Tier!“ auch in unserer politischen Praxis den entsprechenden Raum findet.

Einerseits die voranschreitende Abschottung Europas, Pegida, Hogesa und beinahe tägliche Meldungen rechtsextremer Anschläge, auf der anderen Seite ist die Rede von angeblicher „Willkommenskultur“. Wie empfindet ihr die derzeitige Situation?

Als Menschen, die sich seit Langem der rassistischen Zustände hier bewusst sind und deren enge Freunde und Genoss*innen mit Fluchterfahrungen schon seit Jahren mit diesem rassistischen Normalzustand zu kämpfen haben, sind wir zum einen echt angewidert über das Gefasel einer vermeintlichen „Willkommenskultur“. Zum anderen ist es natürlich auch bedrohlich – wenn auch nicht sehr überraschend – , dass sich ein Teil des immer da gewesenen und vorherrschenden bürgerlichen Rassismus weiter radikalisieren kann.

Aus unserer Sicht bestehen Parallelen zu der Situation in den 90er Jahren. Den Unterschied sehen wir im Verlauf der Entwicklungen. In den 90ern ließ die Politik erst den deutschen Mob gewähren, bis dieser Pogrome wie in Hoyerswerde oder Lichtenhagen verübte, um im Anschluss das Recht auf Asyl stark einzuschränken.

Heute verläuft es beinahe umgekehrt. Die Asylrechtsverschäfungen im September 2014 wurden bereits verabschiedet, bevor immenser Druck vom rechten Straßenrand ausgeübt wurde. Es galt hier wohl keine Wähler*innenstimmen an eine eine erstarkende AFD zu verlieren. Damit überraschte auch nicht weiter, dass im Oktober des letzten Jahres, mit dem Auftreten von fremdenfeindlicher Massenprotesten in Form von Pegida und Konsorten, rassistische Ressentiments als berechtigte Ängste von besorgten Bürger_innen von den großen Parteien angenommen, beschönigt und verharmlost wurden.

Die Distanzierungen der großen Parteien in letzter Zeit, kommen viel zu spät und sind ihr jeweiliges Handeln betrachtet auch nicht ernstzunehmen.

Wenn sich heute gefühlt vor jeder neu entstehenden Geflüchtetenunterkunft besorgte Bürger*innen zusammenrotten, Menschen bedrohen und angreifen, wenn heute Nacht wieder eine Flüchtingsunterkunft brennt, dann ist das nicht der Verdienst einer besonders klug agierenden rechtsextremen Szene. Es ist das Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren, bei denen die etablierte „guter Flüchtling, schlechter Flüchtling“ -Politik eine gewichtige Rolle spielt. Egal ob im Mittelmeer wieder hunderte Menschen ertrinken oder hier Häuser brennen, diese Politik trägt und trug einen guten Teil der Verantwortung an den ermordeten und verletzten Menschen.

Bundesweit stehen wir als radikale Linke diesen Entwicklungen so ohnmächtig gegenüber und können keine adäquaten Handlungsstrategien und Ressourcen vorweisen. Dieser Zustand kann nur sehr nachdenklich stimmen, vor allem vor der Tatsache, dass es sich bei den überregional medial thematisierten Übergriffe und Brandanschläge nur um einen Bruchteil dessen handelt. Wer sich ein Bild über das Ausmaß rassistischer Vorfälle in der letzte Zeit machen will, kann das unter: www.facebook.com/SoWieEsIstBleibtEsNicht

Was wir aber als positiv sehen, ist, dass es in der letzten Zeit ebenso ein Erstarken einer solidarischen Zivilgesellschaft gibt. An vielen Orten, an denen staatliche Institutionen bei der Versorgung und im Umgang mit Geflüchteten völlig versagt haben, verhinderte die Zivilgesellschaft noch Schlimmeres. Es bilden sich spontane Initiativen und versorgen die Leute mit dem Notwendigsten wie Lebensmittel und Unterkünfte. Dies geschieht beispielsweise seit Monaten in Berlin am LaGeSo. In dem ersten Impuls vieler einfach „nur helfen“ zu wollen, sehen wir auch ein enormes Potenzial der Politisierung von Menschen. Situationen wie in Ungarn, Serbien, Kroatien oder in einer der vielen BEAs und LEAs in Kaltland verändern den Blick auf Regierungsvertreter*innen, auf die Arbeit von den sogenannten großen NGOs, auf die Polizei oder auch auf gesetzliche Regelungen. Hier besteht die Möglichkeit einer Kritik und ein Ablehnung des Bestehenden zu entwickeln.

Unsere Einschätzung war und ist: Deutschland hat kein Rassismusproblem, sondern Deutschland ist das Problem.

Praktische Hilfe vor Ort und insbesondere kontinuierliche Unterstützung gehen über Geld- und Sachspenden hinaus. Wie habt ihr euch auf den Soliconvoy vorbereitet und wie funktioniert die Organisation?

Die Idee nach Ungarn zu fahren entstand Anfang September ehrlich gesagt eher spontan und zunächst wollten wir nur Dokumentieren. Allerdings kannten wir die katastrophale Versorgungslage am Berliner LaGeSo und daraus kam der Entschluss mit Kamera und Küche loszustarten. Eine kleine Gruppe von Menschen, die sich schon gut aus der Unterstützung und Teilnahme der selbstorganisierten Flüchtlingsprotesten 2012 bis 2014 kannte, war beteiligt. Schon damals gab es „personelle“ Überschneidungen mit Tierbefreiungsgruppen wie MASTANLAGEN WIDERSTAND und damit war zumindest zu Beginn des Soliconvoy die Organisation und die Zusammenarbeit auch einfach. Eine gemeinsame inhaltliche Ausrichtung und bereits gemachte Erfahrungen bildeten die Basis der Zusammenarbeit.

Folglich haben wir das gemacht, wodurch sich die Gruppe auszeichnete: Pläne schmieden und sie auch schnell umzusetzen. Spendenaufruf veröffentlichen, Autos klar machen, Feldküche aus verschiedenen Städten zusammenkratzen und versuchen sich auf irgendwas einzustellen und auf den Weg machen.

Schnell zeigte sich, dass vor allem über den FB-Account von MASTANLAGEN WIDERSTAND viel positive Resonanz kam und so war der Sprinter schnell mit Klamotten, Essen und Kochutensilien gefüllt. Auch die finanzielle Unterstützung war sehr beeindruckend und hat uns im Nachhinein nochmal sehr gerührt. Viele Einzelpersonen und Gruppen aus der Antira- und Tierbefreiungszene haben uns unterstützt und diese praktische Umverteilung ermöglicht.

Zudem haben sich mit zunehmender Medienpräsenz immer mehr Gruppen und Einzelpersonen angeschlossen, um vor Ort zu unterstützten. Zum Teil wurde unsere Küche einige Tage von anderen Gruppen eigenständig weitergeführt, zum Teil haben einzelne Personen für ein paar Tage vor Ort die übernächtigte Crew entlastet.

Die Arbeit vor Ort in Röszke, Horgos, Sid, Tovarnik oder Opatovac konnte nicht wirklich im Vorhinein durchgeplant werden. Situationen ändern sich ständig je nach dem, wie sich die einzelnen Nationen, Verantwortlichen und NGO’s verhalten, Grenzen passierbar sind oder nicht, ob gerade viele Menschen diesen Weg wählen, festhängen oder zum nächsten Camp geshuttelt werden. Sind genug Bullen und Militär vor Ort, um die Geflüchteten aufzuhalten und zu registrieren oder können die Ketten durchbrochen werden. Allein die Unterschiede ob die Sonne gerade die Tage unerträglich heiß macht oder der Regen und die Kälte den Menschen ihren Weg noch schwerer machen. Jeder Tag ist da anders.

Somit versuchten wir vor allem, immer möglichst viel Equipment und auch solidarische Unterstützer*innen vor Ort zu haben, um dann möglichst spontan auf Situationen reagieren zu können. Gleichzeitig wissen wir, dass unsere Bemühungen, solidarisch mit den Menschen auf ihrem Weg gegen Grenzen zu sein, nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

Ohne Geld- und Sachspenden geht es nicht. Habt ihr viel Unterstützung erfahren?

Jup- haben wir! Wir haben in den knapp vier Wochen, in denen Leute aus unserer Crew vor Ort waren, etwas über 20 000 Euro aus Kaltland und der Schweiz nach Osteuropa umverteilt und in praktische Solidarität verwandelt. Das komplette Feedback hat uns echt sehr krass berührt. Als wir die Überweisungen nochmal durchgerechnet haben und die vielen bekannten und unbekannten Namen der Orgas bzw. Einzelpersonen gelesen haben, hatten wir schon echte Freude!

Allerdings haben wir wohl sehr viel mehr als die 20 000 Euro verkocht. Viel Lebensmittel, Klamotten und Utensilien gelangten als Sachspenden zu uns. Vor allem direkt vor Ort bekamen wir immense Mengen an Essen, die bei uns angeschleppt wurden, da wir an vielen Orten die einzigen waren, die gekocht haben.

Organisation ist das Eine. Wie geht ihr mit den psychologischen Belastungen um, die sich aus emotionalen Begegnungen ergeben und was waren ganz besonders berührende Momente für euch? Was war belastend oder gab es auch schöne Erlebnisse?

Es ist schwierig diese Frage zu beantworten, schon allein, da wir nicht für die gesamte Gruppe sprechen können und wollen. Doch hier ein Versuch: Die Eindrücke waren zum einen echt erdrückend und zugleich auch seit Jahren bekannte Realität, die einfach noch ein paar hundert Kilometer näher rückte.

Die Gesamtsituation und die einzelnen Momente waren in jeder Hinsicht verheerend und furchtbar und zugleich bestärkten sie das eigene politische Bild sowie Handeln: Wut, Hass und Trauer in aktives Handeln und in Widerstand zu wandeln und sich den Gegebenheiten nicht zu unterwerfen.

Was hilft in dieser Situation? Augen zu und kochen? Sich in einen der Kleinbusse zu legen und zu weinen? Den Menschen nicht in die Augen zu schauen? Plenum? Weiterkochen? Oder doch mal ein bisschen Quatsch mit einem der vielen Kids vor Ort machen?

Inmitten dieser unnötigen repressiven Scheißsituation hilft wohl alles und nichts. Während ständig frierende Menschen mit durchnässter Kleidung ankommen, ohne Aussicht auf einen trockenen Platz. Während zu keinem Zeitpunkt genug warmes Essen da ist und du froh sein kannst nicht die tellerausgebende Person zu sein, die wieder mal die letzte Portion einen der vielen ausgestreckten Hände geben muss. Während die Polizei mal wieder heroisch ihre Schlagstöcke zückt, um Menschen auf einen Acker ohne Infrastruktur zu halten. Während Mütter verzweifelt ihr Kinder suchen. Während aus den Käfigen der Gefangenentransporter dich Kinder anblicken, hilft wohl nichts wirklich.

Vor allem nicht große NGO’s mit Millionen im Rücken, die es nicht schaffen oder wollen ein Mindestmaß an Infrastruktur heranzuschaffen. Im Gegenteil ihr Handeln im Gegensatz zur Wortbedeutung von staatlichen Strukturen bestimmen lassen und das repressive System unterstützen.

Momente, die einen fertig machen, gab es viel zu viele und die folgenden Bilder zeigen das wahrscheinlich am deutlichsten. Und sie zeigen, dass wahrscheinlich vor allem die vielen kleinen Menschen zwischen all der staatlichen Gewalt und den furchtbaren Zuständen besonders berühren. Doch auch die Frauen und Männer, die immer wieder aus den Polizeiketten ausbrechen mit den Rufen „NO FINGERPRINTS“ und Richtung Autobahn loslaufen um ihren Weg fortzusetzen, bleiben im Gedächtnis. Dadurch hat sich der Weg durch die Transitländer der Balkanroute für Geflüchtete seit September sehr verändert. Auch zum Positiven. Mit ihrem Ungehorsam und den Märschen an den Autobahnen haben sie sich einen staatlichen Shuttel-Verkehr erkämpft. Das war Anfang September noch nicht denkbar. Und auch in der EU angekommen, wurde die DublinIII- Vereinbarungen von den Geflüchteten – zumindest für Kurze Zeit – quasi selbst außer Kraft gesetzt. Aus Flüchtlinge wurden Geflüchtete, von den Behandelten zu selbst Handelnden. Diese Selbstermächtigung motivierte auch uns aufzubrechen.

Was ebenso hilft, ist zu wissen, dass es genug Menschen gibt, bei denen solidarische Unterstützung eben nicht ein bloßes Lippenbekenntnis ist, sondern politische Praxis ist und bleibt. Weil: So wie es ist, kann es nicht bleiben!

Zeiten von Abschottung und Grenzschließungen, dürfte euer Engagement nicht immer positiv betrachtet werden. Gab es Bedrohungen und habt ihr Repression erfahren?

Es gab den einen oder die andere die sich bei FB empört haben und z.B. nicht verstehen möchten, warum der Facebookaccount von MASTANLAGEN WIDERSTAND genutzt wird und dort „Spendenaufrufe veröffentlicht werden, um die Belagerung von Grenzen zu unterstützen“ Hier können wir Unverständnis feststellen, vielleicht auch Nationalimus unterstellen, aber nein Bedrohung gab es nach unseren Informationen keine.

Vor Ort ermöglichte unser „europäisches Äußeres“ meist ziemlich ungehindert agieren zu können. Dort wo tausend Menschen der „falschen Herkunft“ auf Feldern eingekesselt waren und tagelang in Camps gezwungen werden, konnten wir mehr oder weniger ungehindert ein- und ausgehen. Es gab einige repressive Situationen. Versuche das Kochen zu untersagen, Platzverweise oder – zuweisungen und anstrengende Grenzkontrollen von Kroatien nach Serbien und zurück. Ein Aktivist, selbst mit Fluchterfahrung, durfte nicht nach Serbien einreisen.

Doch all dies ist wohl eher ziemlich nebensächlich neben all den Repressionen, die Menschen tagtäglich erfahren. Wenn immer mehr Zäune errichtet werden, Grenzübertritte auf der Flucht zu Straftaten deklariert werden und die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner der Meinung ist, „dass wir so rasch wie möglich an einer Festung Europa bauen müssen“ und dass wir „einen kontrollierten Zutritt nach Europa und restriktive Kontrollen direkt an der europäischen Außengrenze“ brauchen, wird deutlich, dass Repressionen, Abschottung und Schikane immer offensiver Anwendung finden soll. Und dies wird weiterhin unsere Solidarität und unseren Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse fordern. Persönlich blieben wir von direkten Repressionen bei dieser Aktion ausnahmsweise mal etwas verschont.

Vegane Aktive, die geflüchteten Menschen helfen, stehen bei dem Thema Ernährung schnell vor einem Interessenskonflikt, insbesondere bei gemeinsamer Hilfe mit unveganen Helfer*innen. Wie geht ihr damit um und haltet ihr konsequent am Veganismus fest?

Für viele Aktivist*innen stand nicht in Frage, dass vegan gekocht wird. Mit anderen gab es dann doch die eine oder andere Diskussion.

Vor allem in der ersten Woche in Röszke war es kaum nötig darüber zu sprechen. Dort war es nur nötig ab und an die vielen unmöglichen Fleischkonserven von Spender*innen abzulehnen, die nicht nur aufgrund des Inhalts ziemlich fraglich war. 1 Dose Gulasch a 150 g? Kein Dosenöffner auf dem ganzen Acker, außer bei unserer veganen Küche. Keine Ahnung, ob das Fleisch Halal ist, in Anbetracht dessen, dass viele Muslime über den Bahndamm das Camp erreichten und dann die Frage wie viel Sinn es bereitet für 2000 hungrige Menschen eine Dose Gulasch, eine Dose Rindersuppe usw zu erwärmen.

Aber zurück zur eigentlichen Frage. In Röszke schien unsere Gruppe Glück zu haben oder auch nur bestimmte Personen und Gruppen anzuziehen. Wie aus dem Nichts stand an unserem Abfahrtstag plötzlich eine Food Not Bombs Gruppe aus Brno (Tschechien) vor uns, übernahm für einige Tage unsere Küche, kochte vegan und freute sich als wir zur Verabschiedung unsere Anarcho- und Antifafahnen bei ihnen am Küchenzelt befestigten.

Als sich der Soliconvoy ein zweites mal mit mehr Menschen auf den Weg machte und auch bereits mehr Menschen aus den verschiedenen Ecken Kaltlands und auch vielen anderen EU-Ländern unterwegs waren, war die Situation schwieriger. Doch nicht nur bezüglich Veganismus. Viele Leute verstanden sich zunehmend als Helfer*innen oder Volunteers, denen humanitäre Hilfe am Herzen liegt, aber nicht unbedingt eine inhaltliche klare Positionierung. Gespräche mit Polizei und Regierungsvertreter*innen sind da plötzlich Handlungsoptionen, Veganismus eher anstrengend. Das erschwerte für viele die Situationen vor Ort zunehmend, da ja auch nicht wirklich der Raum und die Zeit für Grundsatzdebatten war.

Aber es zeigt uns auch, wie wichtig eine inhaltliche Ausrichtung ist, die die Befreiung von Menschen und Tieren zum Ziel hat und damit bei konkreten Aktionen, nicht die eine Ausbeutung im Handeln gegen die andere zu vergessen oder gar zu legitimieren.

Im Resümee sind wir zufrieden, auch mit unserem eigenen Pragmatismus, sich bereits vor Ort befindende unvegane Lebensmittelspenden zu verteile, aber eben nur vegan zu kochen und die Spendengeldern nur für vegane Produkte zu verwenden.

Auf eurem Blog und in Facebook habt ihr regelmäßig über den Soliconvoy und euer Erlebtes berichtet. Wie waren die Reaktionen?

Wie oben schon geschrieben gab es auch Unverständnis und die Notwendigkeit Kommentare nicht unbeantwortet stehen zu lassen. Doch gleichzeitig gab und gibt es so viele Solidaritätsbekundungen und positive Rückmeldungen. Auf jeden Spendenaufruf folgten in Kürze Unterstützungszusagen und das auch auf ungewöhnliche Wünsche: „Wer in Regensburg kann uns heute noch überdimensional große Töpfe zur Verfügung stellen.“ Keine zwei Stunden später kam die Antwort und die Töpfe konnten noch am selben Tag mit in Richtung Kroatien reisen. Danke für all diese schnelle Hilfe, die unsere Spontanität das eine oder andere mal möglich gemacht hat. Danke für die vielen positiven Reaktionen.

Hilfe kann auf ganz verschiedene Art und Weise geschehen. Gibt es etwas, das ihr Menschen, die ebenfalls gerne aktiv helfen möchten, mitteilen möchtet oder könnt ihr Tipps geben?

Ja, es ist mehr als notwendig sich der akuten Situation bewusst zu werden, der aktuelle europäische Rechtsruck hat konkrete negative Auswirkungen und Konsequenzen für sehr viele Menschen. Dass „helfen allein“ wird in an der Gesamtsituation nichts ändern. Also würden wir dazu aufrufen, dass die praktische Hilfe mit einer Kritik des bestehenden verbunden wird. Bedeutet eigentlich nur, dass wir auch erklären sollten, wieso wir überhaupt helfen und dies somit erst zu einer politischen Aktion wird. Auf die großen NGO’s sollte sich nicht verlassen werden, besteht ein großer Teil ihrer Arbeit doch einfach nur aus Präsenz und PR-Arbeit.

Ansonsten gibt es natürlich die verschiedensten Interventionsmöglichkeiten der direkteren Art. Bildet z.B. „Stop Deportation“- Groups in eurer Stadt, vernetzt euch mit anderen und blockiert Abschiebungen. Es gibt einige Städte, in denen Strukturen aktiv sind, die regelmäßig dafür sorgen, das sAbschiebungen scheitern.

Die Naziaufmärsche in eurer Region sollten nicht unbeantwortet bleiben. Es ist eindeutig an der Zeit, Faschist_innen und Rassist_innen wieder die Räume zu nehmen, mit allen Mittel denen wir uns bedienen wollen und können. Für uns heißt das, sich auch körperlich fit zu halten und sich darüber bewusst zu sein, dass Nazis uns nicht mit ihren Argumenten bekämpfen werden und wir auf uns aufpassen müssen.

Passt auf euch auf und danke für die Fragen.

Solidarität statt Ausgrenzung! Down with the Borders!

Empfänger: Residenzpflicht abschaffen
Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
IBAN: DE 8143 0609 6782 1991 7100
BIC: GENODEM1GLS
Betreff: Budapest oder Soliconvoy

Weitere Infos: https://www.facebook.com/mastanlagenwiderstandbuendnis/
und https://twitter.com/soliconvoy

Weitere Interviews mit den Aktivist*innen vom Soliconvoy und Artikel:

http://www.br.de/puls/themen/welt/interview-regensburger-hilskonvoi-nach-ungarn-100.html

Schlagloch Tierrechte: Von Tieren und Flüchtlingen; taz; Hilal Sezgin 30.01.2016

 

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